„Perchè?! Perchè c‘è la mamma, Fede!“ – Die Mammoni und der 8. März
Aufregende Wochen! Der Sprachkurs ist vorbei, die Uni hat so richtig begonnen, ich habe den schlimmsten Schneesturm meines Lebens hinter mir und kann schon auf Italienisch fluchen. Und ich wundere mich nicht mehr, wenn ich im Meetlife einen Caffè trinken will. Es ist einfach so, wie es ist. Manchmal muss man nichts bezahlen. Das gleicht sich wieder aus, weil man beim nächsten Mal vielleicht zwei Euro hingibt. Man kann dann solange stehen bleiben wie man will, aber das Wechselgeld bekommt man ganz sicher nicht mehr zu Gesicht.
Der Besuch der ältesten noch existierenden Bank der Welt, in die Monte dei Paschi di Siena, war atemberaubend. Ich kann es kaum in Worte fassen. Dort liegt die erste Kreditkarte aus, original Schuldbriefe von Garibaldi, der sich Geld pumpte und es nie zurückgab, handgeschriebene Kontoführungsbücher aus dem 15. Jahrhundert (handgeschrieben!) und ein Reichtum an Gemälden, vergoldeten Kunststücken und eine unglaublich durchdachte Renovierung, datiert auf das 17. Jahrhundert – was man fast nicht glauben kann, da es nahezu modern wirkt. Die Krönung war der Aufstieg aufs Dach und der Blick auf Siena. Die Male, in denen ich einfach nicht mal ansatzweise dran gedachte habe, meine Kamera zu benutzten, weil man einen solchen Moment gar nicht einfangen kann, kann ich an einer Hand abzählen. Dieser Tag aber war einer davon. Die letzten Kurstage gingen dann auch sehr schnell vorbei. Mittwochnachmittag war der schriftliche Test und am nächsten Tag die mündliche Prüfung. Da konnten wir uns ein Thema aussuchen und ich habe erstmal über meinen schrecklichen Ohrwurm geredet. Das hätte ich nicht tun sollen, denn danach hatte ich ihn wieder zwei Tage im Kopf.
Viele sind nach der Prüfung auch tatsächlich direkt wieder nach Hause gefahren und geflogen. Bis gestern wussten wir alle nicht, ob Carlos sicher und gut in Chile angekommen ist und wie er seine Familie nach dem Erdbeben vorgefunden hat – er ist direkt einen Tag danach geflogen. Dann erreichte uns aber eine Rundmail – ihm und seiner Familie geht es gut, aber was er über die Situation dort schreibt ist unfassbar. Ihm kommt der Sprachkurs nun erst recht wie ein kleines Märchen vor.
Die Uni hier hat begonnen. Am Anfang habe ich fast nichts verstanden, aber mittlerweile geht es gut! Für einen Kurs muss ich nichts tun und auch nicht wirklich anwesend sein, für einen anderen scheint die Arbeit für die Prüfung ins Unermessliche zu steigen.. und in meinen Politikkurs bin ich verliebt. Dort sind wir zu acht. Sechs Erasmus und zwei Italiener. Der Professor ist Herr Corner und redet mit einem wunderherrlichen britischen Akzent Italienisch. Noch dazu sehr langsam. Das ist ziemlich unterhaltsam und gleichzeitig interessant, da verzeiht man auch die viel zu frühe Zeit der Vorlesung!
Meine Literatur- und Kulturwissenschaftsvorlesungen habe ich in einer ehemaligen Nervenklinik. Ich wusste das auch – steht ja auch dran – aber irgendwie habe ich es dann wieder vergessen. Als ich dann in der Pause durch die Gänge marschiert bin, beschlich mich aber ein ganz seltsames Gefühl. Breite Gänge aber sehr schmale Räume, alles behindertengerecht und so weitläufig! Als ich dann daran erinnert wurde, dass es ja auch mal eine Nervenklinik war, hatte ich eine ziemliche Ganzkörpergänsehaut. Eine andere Vorlesung habe ich in einem Gebäude, dass man auch durch die Rückseite einer Kirche betreten kann. Läuft man dann auf der anderen Seite des Gebäudes hinaus, schnappt man erstmal nach Luft, hier seht ihr warum:
Während in Deutschland, wie Annemarie so schön sagte, der Winter abbricht, bricht er hier in Italien wohl gerne ein. Gestern marschierte ich durch den schlimmsten Schneesturm meines Lebens. Mein knallgelber Regenschirm war binnen Sekunden nicht mehr zu gebrauchen, meine Haare gefroren, mein Mantel weiß, meine Finger blau, die Füße nass und die halbe Stadt gesperrt. Sogar die Ampeln waren ausgefallen.
Für nächste Woche jedoch sind 17°C angesagt. Wenn es bei uns der April ist, der macht was er will, so ist es in Italien: „Marzo, un po‘ pazzo.“
Die Woche, übrigens, hätte nicht schöner beginnen können. Als ich am Montag aufstand, wurde ich nicht nur mit Buongiorno begrüßt, sondern auch mit: „tanti auguri, Fede“ und Küsschen links und rechts und Umarmung. Da ich eindeutig so aussah, als ob ich nicht wüsste, wie mir geschieht, mussten meine Mitbewohner mir erklären, dass es doch Tag der Frauen sei! Das wusste ich natürlich eigentlich – wurde aber noch nie beglückwünscht. Egal wo man an diesem Tag als Frau hinkam – überall wurde man mit einem ,Alles Gute!‘ angestrahlt. Das war richtig schön!
Um noch ein klein wenig Klischeearbeit zu leisten, beende ich diesen Blogeintrag mit der Bestätigung der so genannten italienischen Mammoni. Auf Regierungsebene wird schon darüber nachgedacht, ob man den Genießern des italienischen „Hotel Mama“ eine beachtliche Summe Startgeld bietet, wenn sie vor ihrem 30. Geburtstag das Haus verlassen. Aber auch wenn sie diesen Schritt geschafft haben, ereignen sich Gespräche wie das Folgende:
„Sag mal, Antonio, warum fährst du eigentlich jedes Wochenende nach Hause?“
„Mmh, ma, Fede, warum nicht??“
„Naja, dieses Wochenende musst du doch zum Beispiel so viel lernen!“
„Ja, aber, Fede- c‘è la mamma!“
„C‘è la mamma?“
„Ma, sì, vado a casa perchè c‘è la mamma!!“ (Er fährt nach Hause, denn nur dort hat er seine Mutter um sich.)
Ich musste lachen, das war aber wohl in Ordnung.
Liebste Grüße!
Eure Friedi.
